Der neue Auftrag der Muttergesellschaft war nur mit einer neuen Roboterzelle zu bewältigen. Ein Schweizer Lohnfertiger hat sich für ein System entschieden, das dank zwei Positionierern und der Verfahrachse auf insgesamt neun Achsen kommt.

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Müller Martini Manufacturing ist einer der technisch führenden Zulieferbetriebe für Maschinenbau-Komponenten und Baugruppen in der Schweiz. Das Unternehmen hat seinen Maschinenpark nun mit einem Robotiksystem von ABB erweitert.
Eigentlich kennt man das Schweizer Entlebuch vor allem als naturbelassenes Ausflugsziel. Das erste Unesco-Biosphärenreservat der Eidgenossenschaft zeigt mit seinen Naturräumen das Land von seiner ursprünglichen Seite. Im Entlebuch, in der Gemeinde Hasle, findet sich mit Müller Martini Manufacturing aber auch ein besonderes Industrieunternehmen. Der Komplettanbieter im Maschinenbau vereint Entwicklung, Fertigung, Montage und Logistik unter einem Dach. „Das Werk hier in Hasle wurde 1970 von Müller Martini aufgebaut, um die die Nachfrage nach Maschinenkomponenten intern abzudecken“, sagt Herbert Wicki, Managing Director von Müller Martini Manufacturing.
Müller Martini mit Hauptsitz in Zofingen ist ein weltweit führender Hersteller von Systemen für die Druckweiterverarbeitung. Die Müller Martini Manufacturing AG ist ein Tochterunternehmen der Müller Martini Gruppe. „Fertigungsaufträge aus unserer Firmengruppe machen aktuell rund 50 % unserer Geschäftstätigkeit aus“, erläutert Wicki.
Genauso groß ist inzwischen das Volumen, das Auftrage von weiteren Kunden in der Schweiz ausmachen. „Als Komplettanbieter für Maschinenbau-Komponenten vereinen wir sämtliche fachlichen Kompetenzen unter einem Dach – vom Engineering über die Fertigung mit Laserschneiden, Biegen, Schweißen, Fräsen bis hin zu Beschichtung, Montage und selbst Logistik“, sagt Wicki.

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Über 120 Schweißvorgänge für Abwickler-Ständer
Automatisierte Schweißarbeiten wurden bislang von einer Roboterzelle ausgeführt, deren Ende der technischen Lebensdauer sich abzeichnet und die modernen Systemen bei Leistung wie auch Flexibilität unterlegen ist. Die Suche nach einem leistungsfähigeren Robotiksystem für das Schweißen wurde durch den Umstand beschleunigt, dass Müller Martini Manufacturing aus der Firmengruppe den Auftrag erhielt, ab Mai 2025 Ständer für einen Abwickler zu fertigen. „Das ist eine rund 270 kg schwere Stahlblechkonstruktion für große Papierrollen, deren Fertigung über 120 Schweißvorgänge benötigt“, erläutert Michael Mahler, Leiter Produktion und Montage bei Müller Martini Manufacturing. Rund 300 dieser Ständer sollen zukünftig in Hasle pro Jahr automatisiert geschweißt werden.
Für die Evaluation einer Anwendung kontaktierten sie – neben anderen Herstellern – auch ABB Robotics Schweiz. Ziel war, dass das neue System alle bisherigen Aufgaben der Roboterzelle übernimmt, den neuen Ständer schweißen kann, und offen für künftige Aufgaben ist. „Bis Mai 2025 musste sie einsatzbereit sein – und in unser Budget passen“, berichtet Mahler

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Varianten mit Robotik-Experten diskutiert
Mit den Fachleuten von ABB Robotics diskutierte das Projektteam von Müller Martini Manufacturing die Varianten. „Deren Visualisierung mit der Software Robotstudio half dabei sehr“, sagt Olivier Keck, Verkaufsingenieur ABB Robotics Schweiz AG. In zwei, drei Runden erarbeiteten sie die passende Anwendung. „Wir gelangten zur Überzeugung, dass wir mit ABB eine zukunftsweisende Roboterzelle in der vorgegebenen Zeit zum passenden Preis realisieren können – und erteilten den Auftrag“, sagt Wicki.
Kernstück der Zelle bildet ein Roboter des Typs IRB 2600-12/1.85, ausgerüstet mit einem Schweißsystem von Fronius. Er ist auf einer 8 m langen Verfahrachse IRBT 2005 (6 m Fahrweg) montiert. Der IRB 2600 ist mit gleich zwei Positionieren kombiniert: Der IRBP L-2000 verfügt über eine rotierende Achse und kann Werkstücke bis 2 t aufnehmen. Der zweite Positionierer, der IRB B-750, dreht sich in zwei Achsen und trägt bis zu 750 kg. „Mit dem Roboter, dem zweiten Positionierer und der Verfahrachse verfügt die Zelle über neun Achsen“, sagt Keck. „So kann der Schweißbrenner auch bei komplexen Werkstücken in der der Vertikalen – der so genannten Wannenlage – arbeiten, was für das Schweißen ideal ist, da das Schweißbad durch die Schwerkraft kontrolliert nach unten fließt.“ Auf dem IRBP B-750 schweißt Müller Martini Manufacturing den Ständer mit seinen 120 Schweißnähten.
Schulung vor Ort in Hasle
Für Installation und Inbetriebnahme der neuen Roboterzelle entsandte ABB Robotics ihren Experten Jerry Jämsä nach Hasle, Projektingenieur wie auch Schweißtechniker. Anschließend schulte er drei Schweißspezialisten von Müller Martini Manufacturing vor Ort in der Bedienung und Programmierung der Schweißzelle. So konnte ein rascher Praxistransfer sichergestellt werden – direkt in Verbindung mit der Herstellung der Ständer auf dem neuen Roboter.
„Die Roboterzelle konnten wir mit diesem Vorgehen termingerecht im Mai 2025 zum Start der Fertigung der Ständer in Betrieb nehmen“, berichtet Mahler. „Die Präzision passte von Beginn an. Inzwischen konnten unsere Spezialisten die Programmabläufe weiter rationalisieren und den gesamten Produktionsablauf optimieren.“
„Wir haben unser Ziel erreicht. Ich bin überzeigt, dass das Projekt in dem engen Zeitrahmen so gut ablief, weil auf beiden Seiten kompetente Teams involviert waren“, zieht Wicki ein positives Fazit. „Die Produktion der Ständer ist sehr gut angelaufen. Die weiteren Aufgaben der bald obsoleten Roboterzelle transferieren wir laufend. Und mit der flexiblen Auslegung dieser Roboterzelle sind wir bereit für neue Kundenaufträge.“
Web:
www.abb.de/robotics

