Rund 200 Fachleute aus Stanztechnik, Umformtechnik und Werkzeugbau brachte der 16. Kongress Stanztechnik im April 2026 nach Dortmund. Im Mittelpunkt standen Automatisierung, KI-Sprachmodelle sowie Werkstoffentwicklungen. Eine Fachausstellung mit 34 Unternehmen ergänzte das Vortragsprogramm.
Der erste Kongresstag widmete sich intelligenten Automatisierungsansätzen und digitalen Werkzeugen für die Produktion. Simon Gautschi von der Bruderer AG stellte die neue Maschinensteuerung B3 vor. Das Konzept einer softwaredefinierten Automatisierung integriert Stanzmaschine, Vorschub, Stanzpaketierung und Werkzeugüberwachung in einer gemeinsamen Plattform und schafft damit die Grundlage für weitgehend autonome Entscheidungen im Produktionsprozess.
Digitale Werkzeuge verbessert physische Anwendungen
Christian Maurer von der Feintool International Holding AG zeigte, wie sich die Umformsimulation bei der Herstellung metallischer Bipolarplatten einsetzen lässt. Ein zweistufiger FEM-Ansatz ermöglicht die Simulation physikalischer Effekte, bevor Änderungen am Werkzeug erforderlich werden. Sebastian Denz von der Stampack GmbH und Markus Peter von der Hirschmann Automotive Freyung GmbH erläuterten Einsatzmöglichkeiten virtueller Tryouts. Vorgestellt wurden Ansätze zur Verringerung von Korrekturschleifen, zur Robustheitsanalyse sowie zur KI-gestützten Werkzeugüberwachung mithilfe von Sensorik und akustischer Analyse.
Angelo Castrignano von Schürholz Stanztechnik GmbH und Christian Franke von der Otto Bihler Maschinenfabrik GmbH beschrieben die Integration eines Schweißverfahrens in den Stanzprozess. Das Verfahren wird für die Fertigung von jährlich rund 85 Mio. Führungshülsen eingesetzt. Philipp Niemietz stellte die Entwicklung seines Start-ups Pulse of Production vor, das aus dem Umfeld des Werkzeugmaschinenlabors der RWTH Aachen hervorgegangen ist. Das System überwacht Folgeverbundwerkzeuge mithilfe von Körperschallsensoren und erkennt unter anderem Verschleiß oder Schraubenbrüche frühzeitig.
KI steigert Gesamtanlageneffektivität
Torsten Petrick von Andritz Schuler Pressen GmbH ging auf die Gesamtanlageneffektivität (OEE) ein. Nach seinen Angaben ist nur etwa ein Fünftel der Einschränkungen auf die Maschine selbst zurückzuführen. KI-gestützte Assistenzsysteme könnten dazu beitragen, weitere Verlustquellen zu identifizieren. Sven Porepp von der Plock Control GmbH stellte ein System vor, das digitale Zwillinge von Bauteilen, Coils und Prozessen miteinander verknüpft und Produktionsdaten in Handlungsempfehlungen überführt. Samuel Wolf von der Vapic GmbH präsentierte Systeme für automatisiertes Teilehandling und die Reinigung von Bauteilen zur Unterstützung eines kontinuierlichen Produktionsflusses.
Den Abschluss des ersten Tages bildete ein Vortrag von Dr. Christoph Hartmann vom Lehrstuhl für Umformtechnik und Gießereiwesen der Technischen Universität München über Methoden zur Ableitung belastbarer Ursache-Wirkungs-Beziehungen aus Produktionsdaten mehrstufiger Fertigungsprozesse.
Sprachmodelle in der industriellen Praxis
Der zweite Kongresstag begann mit einem Überblick über Grundlagen und Einsatzmöglichkeiten großer Sprachmodelle (LLMs). Prof. Mario Trapp vom Fraunhofer-Institut für Kognitive Systeme (IKS) und der Technischen Universität München erläuterte Vorgehensweisen zur Entwicklung agentischer KI-Systeme mit dem Ziel, Halluzinationen und Auslassungen zu reduzieren. Frank Strathoff von der Fraunhofer-Gesellschaft stellte den institutsinternen Chatbot Fh-Genie vor, der den KI-Einsatz unter Berücksichtigung von Datenschutz und digitaler Souveränität unterstützt.
In der anschließenden Podiumsdiskussion tauschten die Teilnehmer ihre Erfahrungen aus der industriellen Praxis aus. Thomas Unseld, hiqs GmbH, sagte, dass KI vor allem für repetitive Arbeiten gut nutzbar sei – Unternehmen müssten vor dem Einsatz klare Ziele definieren. Porepp wies auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Ingenieuren und Maschinenbedienern hin und prognostizierte Wettbewerbsvorteile für Stanzbetriebe, die KI zur Prozessoptimierung nutzen. Strathoff ergänzte, dass die Skepsis der Mitarbeiter mit der Einsatzzeit abnehme; Trapp empfahl, LLMs als Tutoren einzusetzen.
Werkstoffe für neue Anwendungen
Der Nachmittag des zweiten Kongresstags stand im Zeichen aktueller Werkstoffentwicklungen. Dr. Benedikt Schauerte von Thyssenkrupp Steel Europe AG erläuterte die Anforderungen der Elektromobilität an nicht kornorientierte Elektrobleche. Im Fokus standen geringe Kernverluste, hohe Festigkeit und eine hohe Polarisierung bei Drehzahlen bis 20.000 min⁻¹.
Dr. Nils Wulbieter von Voestalpine High Performance Metals Deutschland GmbH stellte typische Ausfallmechanismen in der Stanztechnik vor und zeigte den Einfluss von Werkzeugstählen auf Standzeit und Prozesssicherheit. Michael Zeitz von Meusburger Georg GmbH & Co. KG schloss den Kongress mit einem Überblick über pulvermetallurgische Werkzeugstähle für Anwendungen mit hohen Anforderungen an die Druckfestigkeit.
Fachausstellung und Branchenaustausch
Begleitend zum Vortragsprogramm präsentierten insgesamt 34 Unternehmen ihre Produkte und Dienstleistungen in einer Fachausstellung. Die Abendveranstaltung fand im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund statt und bot Gelegenheit zum fachlichen Austausch.
Die wissenschaftliche Leitung des Kongresses lag erneut bei Prof. Wolfram Volk und Prof. Hartmut Hoffmann vom Lehrstuhl für Umformtechnik und Gießereiwesen der Technischen Universität München. Unterstützt wurde die Veranstaltung von einem Beirat mit Vertretern aus Industrie und Verbänden. Förderer waren der Industrieverband Blechumformung (IBU) sowie die Wirtschaftsförderung Dortmund. Die organisatorische Durchführung übernahm erneut die Dortmunder Eventagentur Strategie X.
Der 17. Kongress Stanztechnik ist für den 19. und 20. April 2027 angekündigt.

