Stahl- und Aluminiumblechabschnitte aus der Produktion kann ein neuartiges Verfahren einer weiteren Verwendung zuführen, ohne das man sie einschmelzen müsste. Ein Algorithmus gleicht dafür Materialeigenschaften und Anforderungen ab.

Bei der Karosseriefertigung fallen nach Angaben von Beneva rund 50 % des Blechmaterials als Verschnitt an. Üblicherweise wird dieses als Schrott dem Recycling und damit bei Stahl erneut einem Schmelzprozess zugeführt. Mit dem Verfahren Saturnin® verfolgt das Unternehmen einen anderen Ansatz: Geeignete Produktionsabschnitte werden aufbereitet und unmittelbar als Ausgangsmaterial für neue Bauteile verwendet. Nach Unternehmensangaben lässt sich dadurch im Vergleich zu neu erzeugtem Stahl ein um bis zu 99 % geringerer CO₂-Fußabdruck von weniger als 0,1 kg CO₂e/kg Stahl erreichen.
Materialeigenschaften bleiben erhalten
Das Verfahren verarbeitet Produktionsabfälle, die vor allem beim Stanzen und Prägen von Blechen entstehen. Da das Material nicht eingeschmolzen wird, bleiben die Eigenschaften des ursprünglich im Stahlwerk produzierten Werkstoffs erhalten. Neben Stahlblechen für die Karosseriefertigung können auch Aluminiumbleche auf diese Weise weiterverwendet werden.

Für Anwender nennt Beneva neben der Verringerung der CO₂-Emissionen niedrigere Materialkosten im Vergleich zu konventionell neu produziertem Stahl als Vorteil. Voraussetzung für eine erneute Nutzung ist allerdings, dass die Eigenschaften und Abmessungen des Materials zu den Anforderungen der Anwendung passen.
Grundlage des Verfahrens ist ein firmeneigener Algorithmus. Er analysiert die verfügbaren Materialdaten und ermittelt, für welche Anwendungen sich die jeweiligen Produktionsabschnitte eignen. In den Abgleich fließen unter anderem Stahlsorte, Blechdicke, Oberflächenbeschichtung und Abmessungen ein. Zusätzlich berücksichtigt das System logistische Rahmenbedingungen und die Produktionsanforderungen.
Auf Basis dieser Daten ermittelt der Algorithmus mögliche neue Einsatzbereiche für das Material. Beneva übernimmt anschließend die Prozessschritte von der Sammlung und Sortierung über die Wiederaufbereitung und Formgebung bis zur Qualitätssicherung, Rückverfolgbarkeit und Auslieferung der Tafeln an den Abnehmer. Damit unterscheidet sich das Konzept vom werkstofflichen Recycling: Statt den Produktionsschrott einzuschmelzen und daraus erneut Stahl herzustellen, sollen ausreichend große und geeignete Blechabschnitte unmittelbar einer weiteren Produktion zugeführt werden.

Jiří Böhm, Founder
Jakub Šrot, CEO and Co-Founder
Maria Kamenskaya, Quality Manager
Jan Ludvík, Sales Manager
© Beneva
Offene und geschlossene Materialkreisläufe
Bereits mehrere europäische Industrieunternehmen setzen Saturnin® nach Angaben von Beneva ein. Anwender und Partner kommen aus der Automobilindustrie, der Automobilzulieferindustrie sowie weiteren Branchen wie der Möbelindustrie.
Ein Anwendungsbeispiel ist die Zusammenarbeit mit Škoda Auto. Produktionsabschnitte aus Werken des Automobilherstellers werden zur Herstellung verschiedener Komponenten innerhalb seiner Lieferkette eingesetzt. Dabei kann das Verfahren sowohl geschlossene als auch offene Materialkreisläufe abbilden.
Im geschlossenen Kreislauf verbleibt das wiederverwendbare Material innerhalb der Lieferkette. Beim offenen Ansatz kann es dagegen auch zwischen unterschiedlichen Unternehmen, Marken oder Konzernen weitergegeben werden. So werden Produktionsabschnitte von Škoda Auto auch außerhalb der eigenen Lieferkette eingesetzt. Umgekehrt kann geeignetes Material aus externen Quellen als Ausgangsmaterial in die Lieferkette des Automobilherstellers gelangen.
Das wiederaufbereitete Material soll dieselben Qualitätskriterien erfüllen wie neu produzierter Stahl. Dafür hat Beneva ein mehrstufiges Kontrollverfahren eingerichtet. Jede Schrottlieferung wird beprobt und in einem akkreditierten Labor untersucht.
Während der Wiederaufbereitung durchläuft jedes Teil zudem eine Inline-Prüfung. Dabei werden Maß- und Formtoleranzen kontrolliert. Ein beidseitiger Scan dient dazu, Oberflächenfehler zu erkennen. Jede daraus hergestellte Tafel erhält außerdem eine eindeutige Identifikationsnummer. Dadurch ist das Material über den gesamten Prozess rückverfolgbar.

Erster Standort in Tschechien in Serienbetrieb
Das erste Saturnin®-Zentrum in Tschechien ist fertiggestellt und befindet sich im Serienbetrieb. Weitere Standorte will der Anbieter nach demselben Konzept aufbauen. Damit will Beneva die Kapazitäten entsprechend der regionalen Nachfrage erweitern und die Wiederaufbereitung räumlich näher an die jeweiligen Abnehmer bringen.
Das Unternehmen verfolgt das Ziel, die industrielle Wiederverwendung von Stahlproduktionsabfällen international auszubauen. Für die Metall verarbeitende Industrie soll die direkte Wiederverwendung insbesondere dort eine Alternative zum Einschmelzen darstellen, wo Geometrie, Werkstoffeigenschaften, Oberflächenzustand und Qualitätsanforderungen eine erneute Nutzung der Bleche zulassen.
Web:
www.beneva.cz/en/
